Wer haftet, wenn die KI einen Fehler macht?
Eine KI ist keine Person und haftet für nichts. Die Frage ist deshalb immer, welcher Mensch oder welches Unternehmen für den Fehler einstehen muss. Für dich als Geschäftsführer gibt es drei Ebenen:
- Nach außen: Gegenüber Kunden, Geschäftspartnern und Dritten haftet in erster Linie das Unternehmen, so wie für Fehler seiner Beschäftigten.
- Nach innen: Gegenüber der eigenen Gesellschaft haftest du persönlich, wenn du deine Sorgfaltspflichten verletzt hast und dadurch ein Schaden entstanden ist.
- Bußgelder: Behörden können Verstöße gegen die KI-Verordnung ahnden und, bei mangelhafter Aufsicht, auch nach dem Ordnungswidrigkeitenrecht vorgehen.
Die gute Nachricht: Auf allen drei Ebenen geht es weniger um den einzelnen Fehler der KI als um die Frage, ob du den Einsatz vernünftig organisiert hast. Wie du das in Regeln für dein Unternehmen übersetzt, steht auf unserer Leitseite zur KI-Richtlinie im Unternehmen.
Was verlangt § 43 GmbHG im Umgang mit KI?
Nach § 43 Abs. 1 GmbHG haben Geschäftsführer in den Angelegenheiten der Gesellschaft „die Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes“ anzuwenden. Wer seine Obliegenheiten verletzt, haftet der Gesellschaft nach Abs. 2 für den entstandenen Schaden, mehrere Geschäftsführer gemeinsam. Die Ansprüche verjähren nach Abs. 4 in fünf Jahren.
Für KI heißt das nach einem Beitrag von PwC Legal vom August 2025: Ob überhaupt KI eingesetzt wird, ist eine unternehmerische Leitungsentscheidung. Wie sie eingesetzt wird, unterliegt der Legalitätspflicht. Du musst also Strukturen schaffen, die einen rechtskonformen Einsatz im Unternehmen sichern. Eine vollständige Übertragung von Leitungsentscheidungen auf KI ist nach geltendem Recht unzulässig.
Schützt dich die Business Judgment Rule?
Nach § 93 Abs. 1 Satz 2 AktG liegt keine Pflichtverletzung vor, wenn ein Vorstandsmitglied bei einer unternehmerischen Entscheidung vernünftigerweise annehmen durfte, „auf der Grundlage angemessener Information zum Wohle der Gesellschaft zu handeln“. Die Kanzlei Pöppel legt diesen Maßstab auch an Geschäftsführer an. Ob ein KI-Ergebnis eine angemessene Information ist, ist laut PwC Legal ungeklärt, weil sich oft nicht nachvollziehen lässt, wie es zustande kam. Unsere Empfehlung: Behandle jedes KI-Ergebnis, auf das du eine wichtige Entscheidung stützt, wie den Entwurf einer neuen Fachkraft. Du prüfst Zahlen, Quellen und Annahmen, bevor du dich darauf verlässt.
Wie heikel das werden kann, zeigte im April 2026 eine Klausel in den Nutzungsbedingungen der Verbraucherversion von Microsoft Copilot: Copilot diene nur der Unterhaltung, man solle sich bei wichtigen Ratschlägen nicht darauf verlassen. Für Microsoft 365 Copilot gelten andere Vertragswerke. Die Kanzlei Pöppel weist darauf hin, dass sich auf ein Werkzeug, dessen Anbieter selbst vor Unzuverlässigkeit warnt, schwer eine angemessene Informationsgrundlage stützen lässt. Zudem gilt bei Streit über die Sorgfalt eine Beweislastumkehr: Nach § 93 Abs. 2 Satz 2 AktG muss das Vorstandsmitglied seine Sorgfalt beweisen, und nach dem Beitrag gilt das auch für Geschäftsführer. Ohne Dokumentation stehst du dann mit leeren Händen da.
Was gilt gegenüber Kunden und Dritten?
Gerichte rechnen KI-Ergebnisse dem zu, der sie veröffentlicht. Das Landgericht Kiel hat am 29. Februar 2024 (6 O 151/23) eine Plattform für Unternehmensinformationen zur Unterlassung verurteilt, deren KI fälschlich verbreitet hatte, ein Familienunternehmen werde mangels Vermögen aus dem Handelsregister gelöscht. Der Einwand, die KI habe den Fehler ohne Zutun erzeugt, half nicht.
Für dich folgt daraus: Was dein Unternehmen mit KI erzeugt und nach außen gibt, behandeln Gerichte wie eigene Aussagen. Wie gründlich du prüfen musst, hängt von der Folge eines Fehlers ab. Das beschreibt der Artikel Wie prüfe ich KI-Ergebnisse auf Fehler und Halluzinationen?
Welche Bußgelder drohen?
Art. 99 Abs. 4 der KI-Verordnung sieht für Verstöße unter anderem gegen die Betreiberpflichten nach Art. 26 und die Transparenzpflichten nach Art. 50 Geldbußen bis 15 Millionen Euro oder 3 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes vor. Für kleine und mittlere Unternehmen gilt nach Abs. 6 der niedrigere der beiden Beträge, für kleine Midcaps seit der Änderung durch die Verordnung (EU) 2026/1744 nach Abs. 6a ebenso. Die Förderpflicht zur KI-Kompetenz nach Art. 4 ist nicht unmittelbar bußgeldbewehrt. PwC Legal warnt aber: Eine unzureichende Umsetzung kann ein Organisationsverschulden begründen. Welche Pflichten dich betreffen, ordnet der Artikel Welche Pflichten hat ein Mittelständler nach der KI-Verordnung? ein.
Hinzu kommt § 130 OWiG. Ordnungswidrig handelt der Inhaber eines Unternehmens, der die Aufsichtsmaßnahmen unterlässt, die erforderlich sind, um Zuwiderhandlungen gegen betriebliche Pflichten zu verhindern. Ist die Pflichtverletzung mit Strafe bedroht, beträgt die Geldbuße bis zu einer Million Euro. Sonst richtet sich das Höchstmaß nach der verletzten Pflicht.
Was ändert sich bei der Produkthaftung?
Der Bundestag hat am 8. Oktober 2026 das Gesetz zur Modernisierung des Produkthaftungsrechts beschlossen. Es setzt die Richtlinie (EU) 2024/2853 um und soll am 9. Dezember 2026 in Kraft treten. Laut IHK Frankfurt am Main war das Verfahren Anfang November noch nicht vollständig abgeschlossen. Software gilt dann ausdrücklich als Produkt, KI-Systeme können erfasst sein. Das betrifft dich vor allem, wenn du KI in eigene Produkte einbaust oder ein Produkt wesentlich veränderst. Eine eigene EU-Richtlinie zur KI-Haftung wird es vorerst nicht geben: Die Kommission hat ihren Vorschlag zurückgezogen, die Rücknahme wurde am 6. Oktober 2025 im Amtsblatt veröffentlicht.
Der Sorgfalts-Nachweis: sechs Bausteine
Damit du im Ernstfall zeigen kannst, dass du sorgfältig gehandelt hast, empfehlen wir diese sechs Bausteine. Jeder davon passt auf eine Seite:
- Inventar: Liste aller KI-Werkzeuge und KI-Funktionen im Unternehmen, mit Zweck und verantwortlicher Person.
- Auswahl: Für jedes Werkzeug eine kurze Freigabe mit Vertragsgrundlage, Datenschutzprüfung und Datum.
- Regeln: Eine KI-Richtlinie, die Daten, Prüfpflichten und Zuständigkeiten festlegt.
- Kompetenz: Nachweise über Schulungen und Einweisungen nach Art. 4.
- Prüfstufen: Festgelegt, welche Ergebnisse wer vor der Weitergabe prüft.
- Entscheidungsvermerk: Bei wichtigen Entscheidungen, die du mit KI vorbereitet hast, vier Sätze: Was habe ich die KI gefragt? Welche anderen Quellen habe ich genutzt? Was habe ich geprüft? Warum habe ich so entschieden?
Den Entscheidungsvermerk kannst du mit der Methode aus Wie treffe ich bessere Entscheidungen mit KI? verbinden. Wer die Koordination übernimmt, klärt der Artikel Braucht mein Unternehmen einen KI-Beauftragten?
Unsere Position: Nicht nutzen ist kein Schutz
Manche Geschäftsführer schließen daraus, KI lieber ganz zu verbieten. Wir raten davon ab. Ein Verbot verlagert die Nutzung oft auf private Konten, über die du nichts weißt und die du nicht steuern kannst. Das beschreibt der Artikel Schatten-KI: Was tun, wenn Mitarbeitende private KI-Konten nutzen? Haftungsrechtlich ist ungesteuerte Nutzung schlechter als geregelte. Ob es eine Pflicht zum KI-Einsatz geben kann, wird in der Literatur diskutiert, ist aber ungeklärt. Prüfe zusätzlich, ob deine D&O-Versicherung KI-bezogene Ausschlüsse enthält.
Wann passt dieser Überblick nicht?
Für Vorstände einer Aktiengesellschaft, für regulierte Branchen wie Banken, Versicherungen oder Medizin und für Unternehmen, die KI-Systeme unter eigenem Namen anbieten, gelten zusätzliche Pflichten. Auch bei Insolvenznähe, Steuern und Sozialabgaben greifen eigene Haftungsregeln, die dieser Artikel nicht behandelt.
Wie geht es weiter?
Wenn du deine Organisation für den KI-Einsatz mit einem Gegenüber aufsetzen willst, ist das KI-Mentoring für Geschäftsführer der passende Rahmen. Die Grundlage für die Regeln findest du auf der Leitseite zur KI-Richtlinie. Für einen ersten Abgleich deiner Lage buch dir ein kostenloses Erstgespräch (15 Minuten).
Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung. Lass Fragen zur Auslegung im Einzelfall von deiner Rechtsberatung prüfen.